Rund 1,8 Milliarden Menschen nutzen Gmail weltweit. Das klingt nach einem eindeutigen Votum, ist aber vor allem ein Zeichen dafür, wie stark Google in den Alltag integriert ist, nicht unbedingt dafür, dass Gmail die beste Wahl ist. Wer sich einmal ernsthaft fragt, wem er eigentlich seine E-Mails anvertraut und was der Anbieter damit macht, kommt schnell ins Grübeln. Das gilt besonders für Eltern, die auch für ihre Kinder E-Mail-Konten einrichten oder Familienkommunikation organisieren.
Warum überhaupt wechseln?
Google scannt keine E-Mails mehr für personalisierte Werbung, das hat das Unternehmen 2017 offiziell beendet. Trotzdem fließen Metadaten in Googles Datenprofil ein: wann, mit wem und wie oft man schreibt. Für viele ist das kein Problem. Für andere schon. Hinzu kommen praktische Gründe: ein Speicherlimit von 15 GB, das sich Account übergreifend mit Google Drive und Google Fotos teilt, oder die Abhängigkeit vom Google-Ökosystem. Wer seine digitale Infrastruktur bewusst aufstellt, denkt über eine Gmail Alternative nach.
Der Markt der E-Mail-Dienste ist in den letzten fünf Jahren deutlich vielfältiger geworden. Datenschutzorientierte Anbieter haben aufgeholt, etablierte europäische Dienste haben ihre Oberflächen modernisiert. Ein Wechsel ist technisch kein großes Projekt mehr, dauert je nach Datenmenge und Kenntnisstand zwischen einer halben Stunde und einem Wochenende.
ProtonMail: Datenschutz als Kern
ProtonMail aus der Schweiz ist der bekannteste Vertreter der datenschutzorientierten Anbieter. Alle Nachrichten werden Ende-zu-Ende verschlüsselt gespeichert, selbst Proton kann den Inhalt nicht lesen. Das kostenlose Konto bietet 1 GB Speicher und eine Adresse. Für 3,99 Euro im Monat gibt es 15 GB, bis zu zehn Adressen und Zugriff auf den Kalender.
Praktisch für Familien: Es gibt einen Familientarif für 19,99 Euro im Monat, der sechs Konten, 3 TB Gesamtspeicher und Zugang zu ProtonVPN beinhaltet. Ein echter Vorteil gegenüber Gmail, wo man für jeden Nutzer ein eigenes Konto mit eigenem Speicherlimit verwaltet. Der Nachteil: Das Webinterface ist funktional, aber nicht so ausgereift wie Googles Oberfläche. Wer viele Labels und komplexe Filter gewohnt ist, braucht eine Eingewöhnungszeit von zwei bis drei Wochen.
Tutanota: Günstiger, aber konsequent
Tutanota kommt aus Hannover und verfolgt eine ähnliche Philosophie wie Proton, ist aber etwas günstiger. Das kostenlose Konto bietet 1 GB, der Premium-Tarif kostet 3 Euro im Monat für 20 GB. Tutanota verschlüsselt neben dem Nachrichteninhalt auch die Betreffzeile, was Proton im Standardbetrieb nicht tut.
Ein Punkt, der gelegentlich unterschätzt wird: Tutanota unterstützt kein IMAP. Das bedeutet, man kann keine herkömmlichen E-Mail-Programme wie Thunderbird oder Apple Mail verwenden. Alles läuft über die eigene App oder das Webinterface. Für manche ist das eine Einschränkung, für andere eine Vereinfachung.
Mailbox.org und posteo: Die deutschen Optionen
Beide Anbieter sitzen in Deutschland, unterliegen der DSGVO und finanzieren sich ausschließlich über Abonnements. Mailbox.org kostet 3 Euro im Monat für 10 GB und bietet neben E-Mail auch Kalender, Adressbuch und eine Videokonferenzlösung. Posteo ist mit 1 Euro im Monat für 2 GB der günstigste unter den seriösen Alternativen.
- Mailbox.org unterstützt IMAP vollständig, lässt sich also mit jedem E-Mail-Client verbinden.
- Posteo erlaubt anonyme Zahlung per Bargeld oder Überweisung ohne Namensangabe, was die Privatsphäre noch weiter absichert.
- Beide bieten keine kostenlosen Tarife, was das Geschäftsmodell transparent macht: Nutzer zahlen, nicht Werbekunden.
Für Eltern, die ihren Kindern ein erstes E-Mail-Konto einrichten wollen, lohnt sich der Blick auf Posteo. Ein Euro im Monat ist überschaubar, der Dienst läuft stabil und es gibt keine Werbung, keine Tracker und keine Profilbildung.
Was beim Wechsel konkret zu beachten ist
Ein Anbieterwechsel scheitert selten an der Technik, sondern an der Gewohnheit. Drei Dinge erleichtern den Übergang erheblich:
- Alten und neuen Account parallel betreiben: Mindestens vier Wochen lang beide Postfächer aktiv halten, um sicherzugehen, dass keine wichtigen Nachrichten verloren gehen.
- Kontakte informieren: Familie, Schulen, Behörden, Ärzte. Eine einfache Rundmail genügt. Wer regelmäßig Newsletter abonniert hat, sollte die Adresse dort ebenfalls aktualisieren.
- Alte Mails exportieren: Gmail bietet unter takeout.google.com einen vollständigen Export im MBOX-Format an. Die meisten Alternativen können dieses Format importieren.
Ein häufiges Problem: Dienste wie Netflix, Amazon oder Banken senden Sicherheitscodes und Passwort-Reset-Links an die hinterlegte E-Mail-Adresse. Wer dort nicht rechtzeitig wechselt, sperrt sich möglicherweise selbst aus. Eine Liste aller Dienste, bei denen die aktuelle Gmail-Adresse hinterlegt ist, sollte vor dem Wechsel stehen.
Welcher Dienst passt zu welcher Situation?
| Anbieter | Preis | Speicher | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| ProtonMail | ab 0 Euro / 3,99 Euro mtl. | 1 GB / 15 GB | Familientarif, Ende-zu-Ende |
| Tutanota | ab 0 Euro / 3 Euro mtl. | 1 GB / 20 GB | Günstig, kein IMAP |
| Mailbox.org | ab 3 Euro mtl. | 10 GB | IMAP, Kalender, Office |
| Posteo | 1 Euro mtl. | 2 GB | Günstigste Option, anonym zahlbar |
Wer keine besonderen Datenschutzanforderungen hat, aber von Google unabhängiger werden möchte, liegt mit Mailbox.org richtig. Wer Wert auf maximale Verschlüsselung legt und bereit ist, etwas mehr zu zahlen, wählt ProtonMail. Für ein Erstkonto für Kinder oder Jugendliche ist Posteo wegen des geringen Preises und der klaren Struktur gut geeignet.
Gmail bleibt ein gutes Produkt für viele Anwendungsfälle. Aber es ist eben nicht das einzige gute Produkt. Wer einmal wechselt und sich eingewöhnt hat, fragt sich meist, warum er so lange gewartet hat.










